Sjer Jacobs
'Arbeiten ist keine strafe'
- Sjer Jacobs (1963) -
„Ich mache Menschen: keine Idealbilder, sondern Menschen geradeso, wie sie sind und mit allen ihren
Unzulänglichkeiten." Der Künstler Sjer Jacobs findet immer wieder neue Inspirationen rund um dieses Thema. Seine
grobschlächtigen Plastiken aus Keramik sind am bekanntesten. Aber mit ebenso viel Vergnügen arbeitet er mit anderen
Techniken: auf Leinwand, mit Bronze und mit geschmolzenem Glas. Seine Figuren stellen jedoch immer Menschen dar.
„Die faszinieren mich immer. Bringen Sie zwei Kinder in ein Zimmer und ich male ein ganzes Jahr lang das, was sie
tun oder eben nicht tun."
"Sjer" steht in großen Buchstaben auf der Fassade des geräumigen Gebäudes, das an der Hauptstraße liegt, die durch Tegelen verläuft. Der Umbau wurde gerade fertig gestellt und durch das Fenster schauend sehen wir, wie die letzten Handgriffe an der Inneneinrichtung vorgenommen werden. Die Galerie zeigt die Welt, wie Sjer Jacobs sie sieht, ergänzt durch Arbeiten befreundeter Künstler. Abwechslung sei verstärkend, findet Sjer. Drinnen werden wir freundlich von einem eigenartigen Völkchen begrüßt: Plastiken von grobschlächtigen Körpern mit manchmal eigenartigen Proportionen und Porträts von augenlosen Gesichtern vor einem grell-bunten Hintergrund. Die nicht besonders schmeichelhaft porträtierten Menschen sind Sjers „Familie". Jeden Mittag empfängt der Künstler seine Kunden in seinem ungewöhnlichen Reich. Er nutze sofort diese Gelegenheit, um die Besucher zu beobachten, gibt er zu. „Meine Bilder bewirken etwas bei den Betrachtern. Ein Lachen, ein Gefühl. Sie halten ihnen den Spiegel vor, so dass sie etwas darin wiedererkennen. Es gibt auch immer wieder irgendjemanden, der einem Bild einen Namen gibt. Die Keramiken, die ich anfertige, werden Teil deiner Familie. Man kann auch einen wunderschönen Torso erwerben, aber den wird niemand als Familien-mitglied betrachten." „Ich kann ungeniert Menschen beobachten, auch wenn ich mir dessen überhaupt nicht bewusst bin. An Menschen lässt sich nämlich immer wieder etwas Neues entdecken", antwortet Sjer auf die Frage hinsichtlich seiner Inspirations-quelle. Er macht uns darauf aufmerksam, wie viele verschiedene Posen wer während unseres Gesprächs bereits eingenommen hat. „Jede Körperhaltung bildete für mich den Ausgangspunkt für ein Bild. Auf diese Weise komme ich an meine Themen. Ich gehe auf Menschen zu und schaue mir ihr Verhalten in ihrer gewohnten Umgebung an. Wenn ich etwas mit Pferderennen machen möchte, dann schaue ich mich auf der Rennbahn um, und für eine Figuren-gruppe eines Orchesters gehe ich zu einer Orchesterprobe. An der Körperhaltung und den Gebärden von Musikern kann ich häufig ablesen, welches Instrument sie spielen. Diese typischen Merkmale benutze ich." Bei der Gestaltung eines innerstädtischen Platzes fotografierte er die Tagesausflügler auf den Sitzbänken. Ihre Körperhaltung brachte er in drei Bronzefiguren zum Ausdruck. „Diese Plastiken sind Archetypen des sitzenden Menschen. Wer sich neben ein derartiges Bild setzt, nimmt häufig ohne sich dessen bewusst zu sein, dieselbe Körperhaltung ein. Man nimmt es wahr, wenn man daran vorbei geht."
Ungeachtet des großen Wiedererkennungs-wertes hat sich Sjers Werk in den letzten Jahren in auffallender Weise weiterentwickelt. Die Plastiken sind dynamischer geworden: Arme, Finger, die auf etwas deuten, und Bewegung zeigen. Bei seinen Bildern erkennt man größere Kontraste. Anstelle von gleichmäßigen Farbflächen treten die Pinselstriche deutlich in den Vordergrund und er gestaltet den Hintergrund auf den Leinwänden mehrfarbig. Wenn man durch die Galerie spaziert, sieht man nicht nur Gemälde und Keramik, sondern auch andere Materialien wie Glas, Bronze oder Draht sowie deren Kombinationen. Auf diese Weise halte er für sich die Spannung, meint Sjer. Er entdeckt immer wieder neue Materialien und Verarbeitungstechniken und wendet diese an, engagiert, aber mit Vorliebe ohne zu viel Hintergrundwissen. „Eigentlich möchte ich überhaupt nicht wissen, wie eine bestimmte Technik funktioniert, weil ich sonst ausgetretenen Pfaden folgen würde. Ich gieße Zinn, so wie andere Bronze gießen. Manchmal tue ich Dinge, die den Experten zufolge nicht gelingen dürften. Und es muss auch nur einmal gut gehen. Wenn ich eine ganze Serie Plastiken aus flüssigem Glas gießen möchte, gingen wahrscheinlich neunzehn von zwanzig kaputt. Mir geht es aber gerade um die eine Plastik."
Der größte Widersacher von Sjer ist die Zeit oder genauer gesagt, der Zeitmangel. „Ich habe immer mehr Ideen, als ich umsetzen kann. Der Tag hat einfach zu wenige Stunden. Künstler zu sein, ist für mich eine Lebensaufgabe. Abends vor dem Fernseher zu sitzen oder in Urlaub zu fahren, ist nichts für mich, obwohl ich mir bei meinem 40. Geburtstag vornahm, mir mehr Ruhe zu gönnen. Arbeiten ist keine Strafe. Es ist vielmehr die Art, wie ich mein Leben eingerichtet habe. Ich beschäftige mich immer mit zehn Sachen gleichzeitig und alles, was ich sehe, inspiriert mich, um wieder mit etwas Neuem anzufangen. Und darin verbergen sich dann häufig auch wieder Lösungen für Projekte, die liegen geblieben sind."
Nach seinen Träumen gefragt, wird es eben still. Dann kommt die Antwort: „Ich liebe den Barock. Den damaligen Künstlern schwebte ein Gesamtkonzept vor Augen. Auf die gleiche Weise möchte ich einmal einen Raum ganz nach eigenen Erkenntnis-sen einrichten. Ein Haus oder ein Platz mit allem, was dazugehört. Der Raum, so wie er ist, und sonst nichts." Ansonsten behält Sjer seine Träume am liebsten für sich. „Besuchern zeige ich lieber mein Schlafzimmer als mein Atelier. Als ich vor einigen Jahren ein Haus kaufte, gab der ansprechende Arbeitsraum den Ausschlag. Das Haus selbst muss noch wachsen, es muss noch ein Teil von mir werden. Aber bisher ist mir dies nicht so wichtig. Ich hänge nicht so sehr an einem Ort oder an Sachen, wohl aber an der Privatsphäre meines Ateliers. Dort haben meine Gedan-ken Gestalt angenommen, stehen Dinge, die misslungen sind, und Ideen, mit denen ich mich noch beschäftige. Dort stehen meine Träume."
http://www.sjerjacobs.com/
Werke von Sjer Jacobs sind auch über die Leolux-Design-Center erhältlich. |
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